Anders, aber nicht alleine

Mit der Hochsensitivität wird man geboren. Zirka 15% aller Neugeborenen verfügen über diese Anlage, die sich weder herauswächst, noch Jungen oder Mädchen bevorzugt. Sie gilt als vererbbar und damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zumindest einer der Elternteile auch über solche Anlagen verfügt – gleich, ob dieser Elternteil sie bewusst lebt oder gelernt hat, sie zu untergraben. Soweit zur Forschungsbasis, die sich vor allem auf die wegweisende Arbeit der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron stützt.

Das Thema scheint schwierig zu fassen, vielleicht weil sich die Hochsensitivität in so unterschiedlicher Weise erkennbar zeigt. So gibt es auch keine anerkannte Definition. Was es gibt, ist ein pragmatischer Ja/Nein-Test von Aron zu typischen Alltags- und Verhaltensbeschreibungen (Die Bücher von Aron oder von Birgit Trappmann-Korr enthalten ihre Tests für Erwachsene und Kinder, die ich aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht abbilde). Dieser hat bereits vielen hochsensitiven Menschen geholfen, ihrem Verhalten einen Namen zu geben und sich endlich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Denn die meisten tragen seit der Kindheit die Vermutung in sich: Ich bin irgendwie anders. Und das kann Kindern das Gefühl geben: Ich bin irgendwie alleine.

Was dabei schnell in Vergessenheit geraten kann: Kein Mensch ist nur anders.
Kein Kind ist nur anders. Doch alle Kinder sind einzigartig, so wie wir es alle sind. Hochsensitiven Kindern gelingt es dann, ihre Einzigartigkeit zu leben, wenn sie ihre hochsensitiven Anlagen in Einheit mit all ihren weiteren Ressourcen kennenlernen und wenn sie erkennen, wie sie mit diesen umgehen. Mit dem Wissen über die Hochsensitivität wird klar: "Jedes 6.-7. Kind ist ähnlich hochsensitiv wie ich. Und doch bin ich ein Unikat. Und das ist gut so". 

Hier fällt mir ein wesentlicher Satz von Jesper Juul ein: „Alle Kinder haben bereits zur Geburt genau das richtige Set an Anlagen, um ihren persönlichen Weg zu gehen. Was ihnen fehlt, ist die Erfahrung.“ Eltern, die sich als Erfahrungs-Wegbegleiter ihres hochsensitiven Kindes verstehen, erkennen, dass es dazu ganz bewusst gesetzte Rahmen und Herangehensweisen braucht, die zum Teil sehr anders sind als in konventionellen Erziehungsratgebern empfohlen; Und es braucht ab und an auch echt gute Nerven. Zugleich werden die Eltern erfahren, wie sich ihre Kinder entdecken – das kann echt berührend und inspirierend sein. Und es lässt die Eltern selbst auch wachsen. Vielleicht sogar über sich hinaus.