Sich Raum geben und Raum nehmen

Ich bin der Überzeugung, dass es ein Grundthema im Familienleben von heute gibt und das lautet: sich gegenseitig Raum zu geben, genauso aber seinen Raum zu nehmen. In so gut wie allen Familien sehe ich Fragestellungen wie: Wieviel Raum nehmen die Kinder ein? Wieviel Raum nehmen wir Eltern ein? Wieviel Raum nehmen unsere Jobs ein? Haben wir noch Luft zum Atmen? Gerade Hochsensitive brauchen in ihrer Verbundenheit Raum zum Atmen. Sich diesen zu nehmen und auch sich zu geben ist also gerade für Familien mit hochsensitiven Mitgliedern eine grosse Notwendigkeit.

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie mir Elternteile erzählen, dass ihre Partner keinen Raum einnehmen: vielleicht sind sie sogar da, aber sie sind nicht präsent. Das erzeugt ein Vakuum mitten in der Familie. Viele Partner, die das am Gegenüber erleben, versuchen das Vakuum zu versiegeln oder den leeren Raum gar auszufüllen: Das gelingt meist nur unter den grössten Anstrengungen, wenn überhaupt. Denn das, was der Partner an Ressourcen einzubringen hätte, gehört sehr wahrscheinlich nicht zu den Ressourcen des Gegenübers. Und das macht müde. Was in meiner Praxis übrigens ebenso häufig vorkommt ist, einem Partner nicht genügend Raum zu lassen.

Beide Phänomene zeigen sich häufig wieder in der Familienatmosphäre. Zumeist in den eigenen 4 Wänden. Da lassen sich Stimmungen wie in einer Boxarena antreffen, wo es nur noch darum geht, wer gewinnt und wer verliert. Oder es entstehen unechte Wölkchen-Luftschlösser („Wir haben es doch eh sooo schön miteinander“). Oder aber Familienmitglieder beginnen sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Gleich ob es dabei um die Eltern geht, oder um die Kinder: dicke Luft zu Hause ist auf Dauer ungesund und zwar für alle. Es geht aber auch anders: Ich erlebe auch Familien, die sich Raum gönnen. So wie es in einem grossen Baum unterschiedliche Tierbewohner gibt, gibt es auch in ihren eigenen vier Wänden Raum für jedes Familienmitglied. Streit ist trotzdem vorprogrammiert. Doch anders als in destruktiven Stimmungen ist hier ein Konflikt ein Luftkatalysator: er säubert die Luft. Und gesäuberte Luft lässt Durchatmen.